Das Omo-Valley im Südwesten Äthiopiens soll eines der letzten Refugien für Stämme sein, die nur wenig Kontakt zu unserer sogenannten Zivilisation haben oder haben wollen. Natürlich wollen und können wir nicht in deren immer kleiner werdende Gebiete vorstoßen, aber die Randgebiete haben sich dem Tourismus geöffnet und wir waren gespannt, ob die Asi, Hamer, Mursi, Banna und die anderen Stämme der Region ihre Lebensweise aufgeben und nur noch als Touristenattraktion vorführen, oder ob sich in den Dörfern und auf den Märkten noch viel Ursprüngliches entdecken läßt. Soviel vorweg: Es war eine eher gemischte Erfahrung.
Wir sind zunächst von Konso nach Key Afer gefahren und hatten eine drei- bis viertägige Rundtour geplant. In Konso wird Guido in der Touristeninformation von angeblichen Führern massiv bedrängt, obwohl wir definitiv keinen Führer mitnehmen wollen und die Situation eskaliert als zwei der Aufdringlichen eine Prügelei beginnen. Guido flüchtet regelrecht aus dem Gebäude. Später überholt uns jemand auf dem Moped und bringt uns die nötige Genehmigung für die Einfahrt ins das Gebiet hinterher.
Auf der Strecke fällt uns einiges an Perlenschmuck auf; viele der Menschen tragen leuchtend grüne Anhänger an einem Band auf der Stirn und vermehrt sahen wir Männer in kurzem Lendenschurz oder längerem Rock. Einige der halbwüchsigen Jungen, die das Vieh hüten, tragen nichts anderes als Lendenschurz und etwas Schmuck zu ihrem Hirtenstab. Diese Stöcke, ohne die hier kein Mann zu sehen ist, haben eine merkwürdige Form: oben wie eine Eins und unten wie ein Ypsilon. Sie taugen als Hirtenstöcke und zum Daraufstützen bei längeren Wartezeiten, aber auch zum Abstützen großer Lasten und sind eigentlich, wie wir später erfahren haben, Zeremonienstäbe ohne die kein Ritual stattfinden kann. In Key Afer kommen wir am Markttag an und engagieren einen Begleiter, ohne den ein Besuch nicht möglich ist. Zu den wöchentlichen Markttagen kommen nicht nur die hier ansässigen Hamer und Banna, sondern auch viele Touristen. Für die Einheimischen lohnt sich das in mehrfacher Hinsicht: Für ein Foto einer Person in Stammestracht bezahlt man zwei Birr, also zehn Cent, und die Souvenirs an den Marktständen verkaufen sich gut. Die Gebühr von 150 Birr für den Begleiter geht an eine Vereinigung, die von den Stämmen selbst gegründet wurde und den Tourismus im Gebiet fördern will. Neben den professionellen Fotomodellen sind aber auch viele Menschen aus den Dörfern gekommen, die in ihrer Alltagskleidung, die eine wilde Mischung aus moderner Kleidung und Stammestracht ist, zum Teil recht malerisch aussehen. Wir sind guter Dinge als wir am nächsten Morgen nach Jinka aufbrechen, wo das Gebiet der Hamer an das der Mursi grenzt und am übernächsten Tag ebenfalls ein Markt stattfindet.
Vorher gibt es allerdings noch Streit mit einem der örtlichen Hotelbesitzer, der sich beschwert, dass wir nicht in seinem Hof für die Nacht geparkt haben, obwohl wir dort zuerst gefragt hatten. Wir weigern uns natürlich ihm den „Verdienstausfall“ zu bezahlen und er zieht schließlich ab, nicht ohne uns im Vorbeigehen voller Wut die Verkabelung der hinteren Positionsleuchten herauszureißen. Nachdem wir auf dem Weg nach Jinka noch eine unangenehme Situation erleben, als ein liegengebliebener LKW die Straße versperrt und die Stimmung der Wartenden recht aggressiv wird beschließen wir vorsichtiger zu sein und evt. die Tour zu verkürzen oder abzubrechen. So viel Gewaltbereitschaft haben wir noch nirgendwo auf unserer Tour erlebt, aber viele der hier lebenden Stämme sind noch regelmäßig kriegsführend mit ihren jeweiligen Nachbarn und ein kämpferisches Auftreten mag in der Stammesgemeinschaft als Tugend aufgefaßt werden.
In Jinka hoffen wir einige Mursi zu sehen, deren Frauen auffällige Lippenteller tragen und deren Gebiet weiter westlich angeblich schlecht zugänglich ist. Es gibt in der Nähe von Jinka aber ein Mursidorf, das man besuchen kann.
Da wir schon früh ankommen gehen wir in das hervorragend gestaltete Museum, das Alltagsgegenstände vieler Stämme zeigt und vergleichend über die Kulturen berichtet. Die Kinder sind fasziniert von den Berichten und Filmen über rituelle Auspeitschungen, Initiationsriten, Schmucknarben und Stockkampfwettbewerben. Jene Menschen, von denen hier berichtet wird, sind die gleichen die uns auf der Straße begegnen und die unsere Kinder so begeistert ansehen und oft auch anfassen oder zu umarmen versuchen. Vor allem Fabian wird von Kindern und Erwachsenen ständig betätschelt oder gar geküßt was ihm gar nicht gefällt. Besser findet er schon, dass die Männer ihm alle die Hand geben, als sei er ein Erwachsener, auch wenn sie das nur scherzhaft tun. Lilian dagegen sonnt sich ein bißchen in der allgemeinen Bewunderung: So wie sie möchte hier jede Frau und jedes Mädchen aussehen – ein bißchen heller und sooo schönes Haar. Für Umarmungen ist sie schon zu groß, eher fragt man uns wann sie heiratsfähig sei.
Am Abend treffen wir eine deutsche Reisegruppe im Hotelrestaurant, die bei ihrem Besuch im Mursidorf so sehr bedrängt wurden Fotos zu machen (eine Preisliste wurde gleich aufgezählt), dass sie die Kameras im Auto ließen und sich dann in einem Halbkreis von Kalaschnikows fanden und aufgefordert wurden, die Kameras zu holen und zu fotografieren (und zu bezahlen natürlich). Der Reiseführer konnte die Situation rasch entspannen, aber für uns ist damit klar, dass wir am nächsten Tag nach dem Markt die gleiche Strecke zurückfahren, die wir gekommen sind.
Der Markt selbst entpuppt sich als Enttäuschung, die Polizei hat sich ausgerechnet diesen Tag ausgesucht um illegale Marktfrauen zu vertreiben und da hier die meisten illegal, d.h. ohne eine Gebühr zu zahlen, verkaufen wollen packen die meisten erst gar nicht aus. Wir werden von einigen Mursi regelrecht angerempelt, die fotografiert werden möchten, aber auf diese Art lassen wir uns nicht ein – Bilder des Stammes kann sich jeder im Internet oder einem Kulturreiseführer anschauen…. Wir verlassen Jinka noch mittags und fahren zurück bis Konso, von wo wir nach einer unruhigen Nacht in einem sehr lauten Hotelhof bis zur kenianischen Grenze bei Moyale weiterfahren.
Montag, 15. November 2010
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