NEWS-Ticker: von Nairobi durch den West-Tsavo zum Indischen Ozean – Schneck und Besatzung wohlauf
Der Ranger hängt seine Waffe an einen Nagel in der Wand des kleinen Unterstandes und greift nach einem langen dünnen Stock, um uns und die paar anderen Touristen an diesem Picknick-Platz vor dem Angriff der Affen zu bewahren. Die hübschen Meerkatzen, die hier wegen der leuchtend türkisblauen Hoden der Männchen ganz unwissenschaftlich blue-ball-monkeys heißen, sind zwar nur wenig gefährlich für uns, umso mehr aber für unseren Lunch. Eine Tomate haben wir schon eingebüßt und angesichts der unglaublichen Dreistigkeit der Affenbande schlägt nicht mal meine Tierliebe Alarm als der Stock in ihre Richtung fliegt und tatsächlich einen Affen trifft, der laut kreischend im Blätterdach über uns verschwindet. Seine Freunde und Verwandten schreckt das nur wenig ab – sie sitzen auf der Lauer, beobachten genau und warten auf einen günstigen Moment. Als eine interessiert die noch leicht schaukelnde Waffe betrachtet hüpft das kleine grüne Männchen in meinem Hinterkopf verschreckt auf und ab: Ist die gesichert?? Nicht dass die Waffe gleich zur Affenschaukel wird… Guidos Blick ist in die gleiche Richtung gewandert, seine Gedanken aber offenbar in eine andere: Wie alt ist diese Waffe? – Die ist von 1945! Von den Briten… ein wirklich gutes Gewehr! Das bleibt zu hoffen angesichts der Tatsache, dass die Wilderer von heute mit dem Hubschrauber einfliegen und über modernste Technologie verfügen. Die hübsche Kollegin unseres tapferen Ritters trägt ein etwas aktuelleres Modell über der Schulter, aber in einem Land, in dem selbst Viehhirten Kalaschnikows spazieren tragen, macht ein G-3 keinen großen Eindruck auf uns. Vielleicht sollen die beiden auch eher die Touristen vor den wilden Tieren des Tsavos beschützen als die wilden Tiere vor den Wilderern, aber es sind praktisch keine wilden Tiere da. Der Tsavo prangt zwar teilweise mit schöner Landschaft, aber von den berühmten mähnenlosen Löwen (ja, ja, die menschenfressende Sorte, aus dem Film Der Geist und die Dunkelheit) und den roten Elefanten (ich bin nicht betrunken, der Boden in dieser Gegend ist rötlich, und die Elefanten pudern sich damit ein) ist nichts zu sehen. Möglicherweise spielen sie irgendwo zusammen Skat oder Scrabble. Die Giraffen haben sie jedenfalls nicht dazu eingeladen, die sind überall und wegen ihrer Grazie von uns einstimmig zum Tier des Jahres gewählt worden. Vielleicht sitzen die Löwen und Leoparden aber auch nur im dichten Busch und lachen verschmitzt über unser Bemühen sie zu finden. Wir bleiben jedenfalls erfolglos was die Großkatzen angeht – allerdings entdecken wir noch einen Serval und mehrere Schabrackenschakale als wir am nächsten Morgen zur zweiten Runde starten.
Wir schaffen es unabsichtlich die Nacht im Park kostenlos zu verbringen, weil wir zu spät dran sind und das Tor zum Campingplatz bereits verschlossen und verwaist ist. So bleiben wir einfach vor dem Tor stehen und sparen zu unserer Freude 80 (in Worten: achtzig!) US-Dollar, die wir für das Privileg der Benutzung fragwürdiger sanitärer Anlagen für eine Nacht hätten zusätzlich zum Eintrittspreis zahlen müssen, denn im Park ist wildes Campen verständlicherweise verboten. Und dabei ist der Tsavo nur ein Park der zweiten Preiskategorie.
Das Preisniveau in Kenia – und besonders das der Touristenattraktionen - verleidet uns etwas den Spass. Bei vielen Gelegenheiten fühlen wir uns einfach geneppt oder zumindest gemolken. Ein Südafrikaner, den wir in Nairobi getroffen haben sagte uns über Tansania, das noch deutlich teurer sein soll: Es ist so schade. Man sagt automatisch dauernd aber…. Eine unglaubliche Erfahrung, aber… Ein fantastisches Erlebnis, aber… Dabei kommt das eingenommene Geld ja nicht den Nationalparks zu Gute – sonst wären die Ranger wohl anders bewaffnet, und auch nicht der Bevölkerung, die teilweise nicht mal über Zugang zu sauberem Trinkwasser verfügt, sondern den Herren von der Regierung, die in Nairobi und sonstwo in teuren Autos chauffiert werden und sich Küchen von Poggenpohl leisten.
Die Fahrt vom Tsavo bis Tiwi Beach hat Mensch und Material noch einmal viel abverlangt. Die völlig ruinierte Teerstrasse bis Voi (nicht dass man von dem Teer noch viel hätte erkennen können) hat zu einen ungeplanten Erholungstag auf einer hübschen Lodge geführt, an dem Guido wenig Erholung und mehr Überholung des Schneck betrieben hat, die Kids aber begeistert den Pool unsicher machten. Für die Weiterfahrt zur Küste haben wir dann bewußt einen Umweg über die Dörfer genommen. Zum einen um den Großraum Mombasa zu umgehen, zum anderen um Landschaft und Menschen des ländlichen Kenias noch einmal so richtig zu genießen.
Kenia ist ein Land harter Gegensätze, aber auch großer Vielfalt. Zwischen den Menschen, die in Nairobi ihre Häuser mit Stacheldraht, Hunden und Wachmannschaften umgeben und denen, die auf dem Land mit einem Ochsenpaar das Feld pflügen liegen Welten, ebenso zwischen der rauen heißen Schönheit der Savanne und dem kühlen üppigen Bewuchs des Mount Kenia oder dem Kitschpostkartenidyll des Indischen Ozeans.
Über letzterem sehen wir heute Abend den Vollmond riesig und rötlich aufgehen. Als Abschluss unseres Aufenthalts in Kenia haben wir uns für ein paradiesisches Fleckchen mit Palmen und weißem Sandstrand entschieden, an dem man im warmen Wasser schwimmen und schnorcheln kann und die Seele baumeln lassen. Die Kinder hoffen auf Kokosnüsse und wir alle auf frischen Fisch vom Lagerfeuer.
Samstag, 27. November 2010
Abonnieren
Kommentare zum Post (Atom)
Keine Kommentare:
Kommentar veröffentlichen