Sonntag, 24. Oktober 2010

NEWS-Ticker: nach Gonder zum Königspalast -- Fahrt über Debre Tabor in bis zu 3000m Höhe – Schneck und Besatzung wohlauf


Die Hitze und der Rauch, die von dem kleinen Gefäß ausgehen sind so stark, dass ich unwillkürlich zurückweiche. Die Holzkohle im unteren Teil brennt noch mit starker Flamme und mein Lammfleisch brutzelt mit reichlich Knoblauchzehen vermischt in der Schale darüber. Guido schaut derweil etwas überrascht auf eine riesige Schüssel, in der eine Injera (ein äthiopischer Sauerteigfladen, der das Grundnahrungsmittel der Äthiopier darstellt) von einer Unmenge verschiedenster Gemüsezubereitungen bedeckt ist. Essen gehen auf Äthiopisch : Die Karte ist zwar auch auf Englisch verfügbar , aber die meisten Gerichte sind nur aus dem Amharischen transkribiert und da niemand im Lokal Englisch spricht bestellen wir praktisch blind. Was soll‘s - das Essen schmeckt hervorragend, wenn wir uns auch einig sind dass man wohl mit Injerafladen groß geworden sein muss, um sie zu dreimal täglich zu essen.

Dabei ist die Leidenschaft der Äthiopier für Injera für jeden ein großes Problem, der sich Gedanken über die Ernährung der ständig wachsenden Bevölkerung macht. Die Fladen werden aus einem Getreide hergestellt, dass die Einheimischen Teff nennen und das ungefähr genauso ertragreich ist wie Weidegras. Diverse Hilfsorganisationen haben versucht, den Äthiopiern Weizen oder andere Getreidesorten schmackhaft zu machen und tatsächlich mögen viele Menschen Brötchen, Kuchen und Gebäck recht gern. Aber für Injera muss es nun mal Teff sein, und die allermeisten Äthiopier essen Injera mit Sirup, Injera mit Soße, Injera mit Gemüse, Injera mit….. und Gebäck können sich nicht viele leisten.

Wir sind in Gonder, der alten Königsstadt, deren Blütezeit um 1632 mit dem Bau einer großen Residenz begann, rasch ca. 60000 Einwohner anzog und erst im 18.Jh langsam in Vergessenheit geriet. Einige Teile der Palastanlagen sind noch sehr gut erhalten und erinnern stark an deutsche Burgen am Rhein, nur das der wehrhafte Charakter der Anlage mehr Dekoration als Notwendigkeit war, denn ihre Kriege führten diese Herrscher weit im Süden gegen die Völker der Omo. Sogar die Zwingeranlage der berühmten abessinischen Löwen kann man noch besichtigen.

Die Stadt selbst hat heute 200 000 Einwohner und ist quirlig und lebendig. Sobald es dunkel wird scheint Gonder rund um die Piazza (vieles wird hier italienisch benannt, man kann auch Cappuccino und Macchiatto bestellen, nur bekommt man dann Kakao bzw. Espresso) eine einzige Party zu feiern. Wir haben den Sonnenuntergang hinter der großartigen Bergkulisse im Garten eines Musikcafes genossen und dabei einen der fabelhaften dreifarbigen Fruchtsäfte geschlürft: Unten Guave, darüber Papaya und darüber Ananassaft.

Am nächsten Tag geht es gegen Mittag weiter. Unser Ziel sind die berühmten Felsenkirchen von Lalibela, aber in einem halben Tag ist das nicht zu schaffen, wir werden irgendwo kurz hinter Debre Tabor auf der Strecke übernachten. Die Fahrt geht weiter durch malerische Landschaft. Zweimal sind Brücken von den Regenfällen weggespült worden und der provisorische Ersatz würde den Schneck nicht tragen – also nehmen wir die Furt wie alle LKWs und Busse, was sich als problemlos erweist. Immer öfter sehen wir nun Dörfer mit besser gebauten und gepflegten Hütten, d.h. dass zumindest zwei Wände mit einem Gemisch aus Lehm und Stroh verputzt sind und die Erbauer schon mal etwas von einem rechten Winkel gehört haben müssen. Auch sind die Hütten etwas größer als nördlich des Tanasees, allerdings sehen wir praktisch nur die in Afrika so verbreiteten Wellblechdächer. Das ist nicht nur wenig hübsch, sondern heizt sich im Sommer furchtbar auf und lässt im Winter die Kälte ungehindert durch. Obendrein gerät die Kunst ein gutes Strohdach zu bauen langsam in Vergessenheit.

Die meisten Menschen winken uns freundlich zu, nur müssen wir uns noch daran gewöhnen sofort umringt zu sein, wenn wir aussteigen. Wer mit einer Großfamilie in einer Einraumhütte lebt kennt keine Privatsphäre.

Kurz vor Debre Tabor ändert sich plötzlich der Baustil und wir fühlen uns in die Schweiz versetzt: Die winzigen Häuser hier haben ein Erdgeschoss aus Bruchsteinen für Vorräte und vielleicht auch Vieh, und ein hölzernes Wohngeschoss darüber. Letzteres hat oft einen Lehmverputz, ist umgeben von einem schmalen Balkon und von einem Satteldach (aus Wellblech) mit großem Dachüberstand geschützt. Das sieht besonders mit den Rundhütten für Ziegen und Schafe daneben sehr hübsch und liebevoll gemacht aus.

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