NEWS-Ticker: Grenze passiert – erster Eindruck Äthiopien überwältigend – Lake Tana
Dank der Regenfälle der letzten Tage und Wochen ist die Grenzstation ein wüstes Schlammloch. Guido traut sich gar nicht den Schneck neben der Teerstraße zu parken und bleibt einfach stehen um die anstehenden Gänge zu Fuß zu erledigen. Nach wenigen Metern klebt der Schlamm so unter seinen Sandalen, dass er wie auf Plateausohlen geht. Dann ein echt afrikanisches Erlebnis: Das Carnet de passage (sozusagen der Reisepass des Schneck) kann nicht gestempelt werden, weil der zuständige Herr vom Zoll noch schläft – in einem Bett mitten im Raum. Es dauert etwa 45 Min bis er erwacht ist und weitere 30 bis er sich gewaschen hat und seinen Tee getrunken, dann ist er bereit das Carnet zu stempeln. Nur leider läßt sich der richtige Schlüssel nicht finden, mit dem man die Schreibtischschublade aufschließen kann und den Stempel befreien. Also noch mal 20 Minuten warten. Währenddessen sitzen die Kinder und ich im Schneck und werden von den ersten Bettlern belästigt – halbwüchsigen Jungs, die gleich recht unverschämt daherkommen. Alle tragen das äthiopisch orthodoxe Kreuz um den Hals. Wir sind von vielen Reisenden gewarnt worden, dass Äthiopien zwar wunderschön sei, die Menschen aber schwierig: Bettler und Steineschmeißer, so lautet häufig das Urteil und wir hoffen sehr, dass wir bessere Erfahrungen machen.
Äthiopien empfängt uns grün und blühend mit deutlich kühleren Temperaturen. Das Land beginnt schon wenige Kilometer hinter der Grenze anzusteigen und die Ausblicke auf die Berge sind fantastisch. Überall grünt und blüht es und überall rauscht Wasser in oft tief eingeschnittenen Flußbetten. Am Strassenrand sehen wir die ersten Affen und unzählige kleine bunte Vögel. Guido wagt allerdings kaum den Blick von der Straße zu nehmen, denn die Dörfer liegen aufgereiht dicht an dicht entlang der Straße und auf der Straße sonnen sich Esel, Ziegen und Kälber. Dazwischen laufen immer wieder Kinder im letzten Moment vor dem Schneck lang. Die meisten Kinder und einige Erwachsene winken uns fröhlich zu und wir grüßen besonders freundlich alle, die etwas reservierter wirken.
Die Besiedelung wird etwas dünner als die Straße immer stärker ansteigt und der Schneck kriecht tapfer bis auf 2200m die Serpentinen hinauf. Hier oben ist die Luft deutlich kühler und als wir auf eine Piste durch die Dörfer abbiegen beginne ich mich zu fragen, wieso ein seit mehreren tausend Jahren hier lebendes Volk es immer noch nicht gelernt hat winddichte Häuser zu bauen. Die rechteckigen Hütten von ca 15 qm bestehen in den meisten Fällen nur aus Knüppeln, nur wenige haben mit Lehm und Stroh wenigstens die Wetterseite verputzt. Aus den meisten Hütten, deren Boden nur gestampfter Erdboden ist quellen 8 bis 10 Personen und einige Hühner. Vor der Hütte ein kleines Feuer an dem die Hausfrau im kalten Schlamm hockt – dabei sehen die Einfriedungen aus Kakteen und die bestellten Felder recht ordentlich aus, aber in den Hütten muß es schon jetzt nachts bitterkalt sein. Wir sehen viele kleine Mädchen denen die Haare bis auf ein Kreuz auf dem Kopf abrasiert sind. Soll das Kreuz das Kind beschützen oder segnen? Die Piste wird schlechter und schlammiger, hier und da ist eine Brücke überspült, aber Guido und der Schneck kommen überall glatt durch. Nur die entsetzlich schlechten letzten zwei Kilometer vor dem Campingplatz am Tanasee werden in der inzwischen hereingebrochenen Dunkelheit zur Zerreißprobe. Johlende und kreischende Dorfbewohner hängen beidseits am Truck – um mit den zu tief hängenden Stromleitungen zu helfen und um dafür etwas Geld zu kassieren – und einmal kracht es bedrohlich als der Schneck aufsetzt. Endlich im Camp angekommen legen wir erschöpft die Füße hoch. Jetzt wird erst mal ein paar Tage an diesem hübschen Ort direkt am See ausgespannt, geputzt, geflickt, gelernt und repariert. Der Tanasee liegt auf 1800m Höhe und wird von über 50 Flüssen gespeist, aus ihm entspringt der Blaue Nil, der sich bei Khartoum mit dem Weißen Nil verbindet. Mehrere Inseln mit uralten Klöstern liegen im See, in dem wir die ersten Flusspferde zu sehen hoffen und den die örtlichen Fischer immer noch mit Kanus aus Papyrus befahren.
Freitag, 8. Oktober 2010
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