Am frühen Nachmittag liegt der See als glatter silberner Spiegel unter einem türkisfarbenem Himmel, der von ganz leichten weißen Wolken durchzogen ist. Die Bäume spiegeln sich im Wasser und nur wenige Meter neben uns plantscht eine Gruppe Ägyptischer Gänse. Kleine bunte Vögel hopsen durch die Zweige und am Stamm des mächtigen Feigenbaumes lehnen zwei Papyruskanus zum Trocknen. Diese leichten Boote sind so flach gebaut, dass sie mehr Flößen gleichen und schwimmen allein aufgrund der im Papyrusrohr eingeschlossenen Luft. Nach wenigen Stunden Fahrt allerdings sind sie so voll Wasser gesogen, dass sie erst wieder drei bis vier Stunden trocknen müssen. Tim hat die Kinder vorgestern auf eine kleine Tour mitgenommen und die beiden haben sich eine veritable Wasserschlacht geliefert.
Der paradiesische Eindruck dieses Fleckchens Erde verfliegt schnell wenn man das Dorf Gorgora besucht. Zerlumpte Kinder voller sechsbeiniger Bewohner umringen einen, die Wege hinter dem Dorf werden von Mensch und Tier als Toiletten benutzt und viele der Hütten sind einem erbärmlichen Zustand. Fünftausend Menschen leben hier, davon sind sicher dreiviertel unter 16 Jahren, und die meisten waren noch nie im nächsten Dorf das ca. 45 km entfernt liegt. Die nahe gelegene Großstadt Gonder, einst eine Königsstadt des abessinischen Reiches, ist für diese Menschen bestenfalls eine Geschichte von der die Alten erzählen. Wir haben beschlossen in der örtlichen Grundschule die meisten der mitgebrachten Blei- und Buntstifte abzugeben. Vielleicht lockt das ein paar Kinder mehr in den Schulraum, der nicht einmal Bänke oder eine Toilette hat und den laut Kims Auskunft nur ca. 50 Kinder regelmäßig besuchen.
Abends präsentiert sich der See ganz anders, wenn der unglaubliche afrikanische Sternenhimmel über uns prangt während ringsum helle Blitze aufzucken. Das allabendliche Wetterleuchten hält um diese Jahreszeit oft die ganze Nacht an und ist so gewaltig, dass wir versucht sind an einen Streit griechischer Götter zu glauben.
Freitag, 8. Oktober 2010
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