NEWS-Ticker: Masvingo - Great Zimbabwe – Bulawayo – Matopos – Schneck muss zum Strümpfestopfen – Besatzung wohlauf
Die teilweise fast elf Meter hohen mörtellosen Mauern bestehen aus etwas ziegelsteingroßen Granitquadern, die geschickt zu meterdicken Wänden geschichtet wurden. Fast nirgendwo sind rechte Winkel zu sehen, hier ist alles gebogen und geschwungen. Die Durchgänge sind recht schmal, an einigen Stellen für einen Erwachsenen fast zu schmal.
Wir sind in der Ruinenstadt von Great Zimbabwe, Hauptstadt eines Reiches, das fast 500 Jahre lang vom Handel mit Gold und Elfenbein blühte und gedieh, bis es um 1500 herum an inneren Streitigkeiten und Platzmangel zugrunde ging. Die Mauern, die so sehr an unsere Burgen erinnern (und ungefähr zur gleichen Zeit entstanden sind) sind aber ausschließlich Umfassungsmauern: Die Menschen jener Zeit lebten in Rundhütten mit Strohdächern, wie sie die meisten Völker Afrikas kennen, inmitten dieser Einfriedungen. Aber sie lebten nicht schlecht. Das angegliederte kleine Museum zeigt Scherben chinesischen Porzellans und orientalische Ölkännchen, die als Handelsware von der Küste kamen und die Kultur des vergessenen Volkes war durchaus mit der mittelalterlichen Entwicklungsstufe unserer Kultur vergleichbar – Spindel, Webrahmen und Töpferwaren wirken seltsam vertraut. Eine breite gepflasterte Straße führte durch die Wohnviertel der ca. 20 000 Menschen zur großen königlichen Einfriedung, die von einem runden Turm als Symbol der Macht noch heute beherrscht wird. Nicht weit davon führt ein schmaler steiler Pfad auf den einzigen Hügel der Gegend, auf dem die Überreste der Kultstätte mit den Granitkugeln des Hügels zu verschmelzen scheinen. Der Ausblick ist grandios und reicht doch nicht weit genug – der Einflussbereich Great Zimbabwes soll bis nach Botswana, Mozambique und Südafrika hinein gereicht haben. Aber Statussymbol waren riesige Rinderherden, auf deren Vermehrung das Hauptaugenmerk ruhte – Knochenfunde belegen, dass nur ältere Tiere, die sich nicht mehr fortpflanzten, als Nahrungsquelle genutzt wurden. Überweidung und fehlende Nachhaltigkeit sind Fehler mit großer Tradition in Afrika.
Am nächsten Tag machen wir Strecke (die überraschend guten Straßen Zimbabwes machen es möglich) und fahren trotz einer Reifenpanne bis Bulawayo, eine Millionenstadt im Südwesten des Landes, modern und lebendig mit Grünanlagen und Einkaufszentren, Museen und Autowerkstätten, die 24Stunden Service versprechen.
Zu einer solchen schickt uns dann der freundliche Tankwart am nächsten Morgen und es sollte wie so oft in Afrika eine Beschäftigung für den Rest des Tages werden. Wir halten vor dem engen Hof der Reifenbude und sofort kommt ein Junge, der gern ein junger Mann wäre, zu uns und bestätigt uns freundlich, dass sie natürlich LKW Reifen flicken und das für nur 14 Dollar. Wer schon mal einen Schlauch bei einer Sprengringfelge ausgetauscht hat wird gerne bereit sein, diesen Preis zu zahlen und die Plackerei andere machen zu lassen. Der Plattfuß wird also aus seiner Halterung gewuchtet und auf den Hof gerollt, wo noch 6 oder 7 weitere Arbeiter in der Sonne stehen und einem zusehen, der grade einen PKW Reifen von der Felge zieht. Unser Jungarbeiter macht sich sogleich an das Zerlegen der Felge und mit ein paar gezielten Hammerschlägen hat er den Sprengring gelöst – Guido ist beeindruckt und hat für einen kurzen Moment das Gefühl am richtigen Ort beim richtigen Mann zu sein. Als es dann aber daran geht den Mantel von der Felge zu bekommen, verflüchtigt sich besagtes Gefühl schlagartig: Der Halbstarke malträtiert das zum Glück stabile Metall gnadenlos mit einen wuchtigen Vorschlaghammer und lässt sich auch durch ein gutgemeintes Eingreifen seitens des Felgenbesitzers (Das geht anders viel leichter: Man muss nur hier und hier und dort und dann ist alles gut) von seinem ursprünglichen Plan abbringen. Einziger Erfolg ist, dass das angeschweißte Gewicht an der Felge abbricht und unser Jüngelchen nun mangels anderer Alternativen beherzt zum Luftschlauch greift und den teilzerlegten Reifen füllt. Ein erneuter Rettungsversuch (Da jetzt Luft rein zu füllen ist keine gute Idee, das geht schief!!!) wird erneut ignoriert und Guido tritt vorsichtshalber ein Stück zurück. Wumm! Krach! Schepper! Nur Sekunden später kommt es zu großen Knall: die schwere Felge wird zum Ufo, hebt ca. 3 Meter vom Boden ab, verfehlt nur knapp das Wellblechdach und noch knapper den erstarrt am Boden liegenden Jungarbeiter. Du hättest Jesus töten können. bemerkt der Kunde neben mir trocken und dann: Das ist Zimbabwe. Während die meisten anderen Arbeiter ihre Pause unterbrechen und den Unglücklichen mit Hohn und Spott überschütten, hat wenigstens ein erfahrener Reifenmonteur Mitleid und demontiert die Felge mit einigen geübten Griffen. Der Schlauch, der vorher ein kleines flickbares Loch hatte ist nun völlig zerfetzt und der Junge am Boden zerstört, denn nun muss ein neuer Schlauch her und der kostet mit 50 US Dollar seinen halben Monatslohn. Er versucht zunächst uns die Kosten aufzudrücken, und bietet uns dabei auch noch einen zu kleinen Schlauch an (Passt schon, wir machen das hier immer so). Also muss der Chef her: Ein übergewichtiger Mittfünfziger in kanariengelben Hemd und Schlägermütze auf der Glatze. Wir haben uns schon auf schwierige Verhandlungen eingestellt, doch ihm ist die Sache tatsächlich peinlich und er verspricht uns einen neuen Schlauch in der passenden Größe. Der ist im Lager nicht zu finden und so fährt Kojak die Reifenbuden der Stadt ab und lässt uns von seinem Mitarbeiter nach jedem erfolglosen Versuch per Handy durchgeben: Also NTS hatte auch keinen, der Chef fährt jetzt noch zu …. Nach 2 Stunden dann die ultimative Negativmeldung. Wir lassen uns 50 Dollar auszahlen, aber damit haben wir immer noch keinen Schlauch im Reifen. Seufzend steigt Guido aufs Dach des Schnecks und holt aus unserem schwindenden Vorrat einen passenden Schlauch. Der wird flugs montiert und dann noch schnell Luft auf den Reifen - und wieder PENG. Auch diesen Schlauch haben die begnadeten Monteure auf dem Gewissen. Cheffe ist nun sichtlich betroffen und verspricht professionelle Abhilfe (Ihr fahrt jetzt zu einem Laden, der sich mit LKW Reifen auskennt und die sollen das dann da machen). Guido fährt also mit einem Mitarbeiter und dem Reifen im Gepäck zur nächsten Reifenbude und holt sich einen leichten Sonnenbrand, während die „Profis“ sich mit dem widerspenstigen Reifen abmühen. Wieder zurück bei Reifenbude Nr. 1 bleibt noch das Problem des abgebrochenen Gewichts: Kein Problem, da fahrt ihr eben zum Schweißer und der macht das dann. Guido schwingt sich also wieder ins Auto und fährt mit einem Reifenmonteur über schmutzige Schlaglochpisten in eine Hinterhofwerkstatt, die so aussieht als würden hier normalerweise geklaute Autos umlackiert und mit neuen Fahrgestellnummern versehen. Schweißen können sie aber zum Glück und schon nach 30 Minuten sind alle – Guido, Monteur und Reifen – wieder auf dem Hof. Nun noch schnell zusammenflicken und – JA, die Luft bleibt drin. Sieben Stunden später und um 11 US $ ärmer rollen wir erleichtert, aber mit leicht angeschlagenem Nervenkostüm vom Hof.
Während Guido die Haare zu Berge stehen gehe ich einkaufen. Zunächst in den Schreibwarenladen, denn die Kinder brauchen neue Schulhefte. Zwei zum Rechnen und zwei zum Schreiben, das macht 3, 28 Dollar. Ich gebe vier Dollar ab und bekomme – 0,50 südafrikanische Rand heraus. Zimbabwe hat zwar den US Dollar eingeführt, hat aber keine oder kaum Münzen und so bekommt man entweder Rand heraus (was dazu führt, dass ich nie weiß ob ich die richtige Summe herausbekomme, ich glaube die Kassierer schätzen das einfach), eine Gutschrift für den nächsten Einkauf oder eine Süßigkeit. Guido ist auch schon zur Gemüsetheke zurückgeschickt worden mit der Bitte sich für die 82 Cent Wechselgeld noch etwas abwiegen zu lassen. Vom Schreibwarenladen gehe ich zum nächstbesten Supermarkt, der für südafrikanische Bratwurst (lecker!), Brokkoli (löst Jubelrufe bei der Familie aus, weil es ihn seit Monaten nicht mehr gab) und Vanillewaffeln 6,48 Dollar berechnet. Ich gebe 20 Dollar, lehne die Gutschrift ab, weil wir morgen nicht mehr in der Stadt sein werden und bekomme eine Handvoll Randmünzen und ein paar schon echt afrikanisch abgenutzt aussehende (aber echt amerikanische) Dollarscheine wieder. Resigniert stecke ich das Kleingeld in die Hosentasche ohne nachzuzählen (ich weiß sowieso nicht, wie viel es sein müsste) und gehe zum Bäcker. Vier Pasteten zum Lunch machen 5,20 Dollar und als ich zwanzig abgebe fragt die Kassiererin höflich ob ich eine Randmünze hätte. Begeistert krame ich in der ausgebeulten Hosentasche. Endlich kann ich mit den winzigen, billig wirkenden Münzen etwas anfangen und bekomme glatt 15 Dollar wieder. Das erscheint mit ein bisschen Kopfrechnen nachvollziehbar und korrekt und ich ziehe innerlich meinen Hut vor der jungen Bedienung.
Von Bulawayo sind es nur 30 km bis nach Matopos und in eine andere Welt. Felstürme und Bauklotzhügel voller prähistorischer Felszeichnungen prägen die Landschaft auf das Schönste und kleine Stauseen voller Seerosen liegen unter dem weiten blauen Himmel. Wir beobachten Klippschliefer (die sehen aus wie eine Kreuzung aus Otter und Murmeltier und können sehr! laut sein) und Blauducker (Gazellen, so kuschelig wie Persianerjacken und schneller als die Sporteinstellung der Kamera) und klettern in den Felsen umher. Wenn zufällig jemand weiß wo man Kinder zum Freiklettern anmelden kann – unsere Tochter muss Affen oder Bergziegen unter ihren Vorfahren haben. Fabian spielt glücklich mit dem Fußball und wir genießen die unglaubliche Einsamkeit – der Park, der wegen der Felszeichnungen zum Weltkulturerbe erklärt wurde ist praktisch menschenleer, die Wege zu den Zeichnungen überwuchert, die Campingplätze verwaist, die Pisten in schlechtem Zustand. Unser Paradies.
Samstag, 7. Mai 2011
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