NEWS-Ticker: am Viktoriasee entlang über Mwanza und Bwanda nach Bukoba gefahren – Weihnachten am Strand - Schneck und Besatzung wohlauf
Mücken gibt es in ganz verschiedenen Größen. Diese hier sind sehr klein und äußerst zahlreich und lästig. Abends summt es im Schneck schrill, hoch und in ohrenbetäubender Lautstärke. Zum Glück sind die Mücken am Viktoriasee nicht besonders blutrünstig und kapitulieren schnell vor unseren Mückenspiralen.
Der Viktoriasee ist der zweitgrößte Süßwassersee der Erde und schafft sich deshalb sein eigenes Klima, das recht feucht, neblig und vergleichsweise kühl ist wodurch optimale Bedingungen für den Reisanbau herrschen – und für die Mücken. Während im Süden des Sees vor allem große runde Steine aus dem Boden wachsen (die Sorte für die wir unter dem Namen Findlinge viel Geld im Gartencenter bezahlen), und die meisten Häuser auf den größten Steinhaufen stehen um keinen Quadratmeter Ackerkrume zu vergeuden, ist das Land hier im Westen bei Bukoba, kurz vor der Grenze nach Uganda, sehr fruchtbar. Große ebene Flächen auf denen intensiv Reis und Mücken angebaut werden wechseln sich ab mit Hügeln, auf denen zur Zeit Ananas, Tomaten, Auberginen, Kohl und anderes reifen. Die meisten Häuser werden von mindestens einem großen Mangobaum beschattet und stehen in einem dichten Hain aus Kochbananenstauden. Kochbananen sind das traditionelle Grundnahrungsmittel der Haya, die hier leben. Ansonsten scheinen sich die Haya kaum von anderen Tansaniern zu unterscheiden – es sei denn man wirft einen Blick in ihre Geschichte, denn die Haya waren Jahrtausende lang und bis ins 19. Jh. hinein eine der wenigen Hochkulturen Afrikas. Sie bearbeiteten Stahl schon vor fast zweitausend Jahren und bauten große Städte und Paläste für ihre Könige, deren Macht den Kolonialherren natürlich ein Dorn im Auge war. Um das Jahr 1920 herum war die Kultur beinahe ausgelöscht, der Widerstandsgeist der Haya aber nicht gebrochen, was sie zu einer treibenden Kraft in der Unabhängigkeitsbewegung werden ließ.
Wir finden Kochbananen bisher wenig schmackhaft und halten uns lieber an Ugali, den Kloß aus gekochtem Maismehl, den man in vielen Ländern Afrikas unter unterschiedlichen Namen bekommt. Ugali schmeckt ähnlich wie unsere Kartoffelklöße, lässt sich problemlos mit den Fingern essen und macht satt. Am Viktoriasee isst man meist gebratenen Tilapia, Mangold und Bohnen dazu. Auf ihren Tilapia sind die Menschen hier sehr stolz, leider hat sich das Einsetzen des Fisches in den See aus ökonomischen Gründen bereits als ökologische Katastrophe erwiesen, denn Nilbarsche sind Raubfische und so sind viele im See heimische Fischarten inzwischen vom Aussterben bedroht.
Immer wieder erleben wir, dass Afrika an Umweltproblemen leidet, die es ohne unsere sogenannte Hilfe nicht hätte. Was der Tilapia nicht schafft beenden die amerikanischen Pestizide, die in der Landwirtschaft Verwendung finden, und wie eine afrikanische Zeitschrift gerade herausfand in den USA längst verboten sind.
Der Schönheit des Sees und der fröhlich lauten Stimmung auf dem Markt Bukobas tut das keinen Abbruch. Die kleine Stadt ist eine bunte Mischung ehemaliger Kolonialarchitektur, Fischerdorf und Marktflecken und erscheint uns als Musterbild religiöser Toleranz. Neben einer riesigen und sehr modernen katholischen Kathedrale und einigen kleineren christlichen Kirchen aller Couleur finden sich hier auch drei Moscheen und ein Sikh-Tempel und der muslimische Besitzer des Rose Cafe, in dem wir zu Mittag essen, wünscht uns Frohe Weihnachten.
Weihnachtlich ist außer dem Stern, den wir über den Eßtisch im Schneck gehängt haben aber nur das Wetter: Morgens hat es immer mal wieder leicht geregnet und der Himmel ist bis in den späten Nachmittag hinein grau und bedeckt. Als die Sterne über dem See aufgehen wird rasch kühl, und wir ziehen die Fleece-Pullover drüber noch bevor wir die Mückenspiralen anzünden.
Montag, 27. Dezember 2010
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