Hier ist es schön weich und kühl und angenehm und das Gras bildet eine Kante in der genau richtigen Höhe, um den Kopf darauf abzulegen und zu träumen. Auch die Gesellschaft ist nicht schlecht – all die dominanten Weibchen sitzen im Bau und kümmern sich um den Nachwuchs. Da sind die beiden Hyänenmännchen, die sich so genüsslich im Schlammloch aalen sowieso nicht erwünscht. Nur ein paar hundert Meter weiter wird der Eingang zu einem Erdloch sorgfältig bewacht. Erst als wir einige Minuten bei abgeschaltetem Motor stehengeblieben sind tauchen winzige runde Ohren im Gras auf, dann springen zwei entzückende Hyänenbabys durchs Gras und zur Milchbar - sie sind so plüschig, dass man unwillkürlich den Knopf im Ohr sucht. Die Mütter drücken die Kleinen aber sogleich mit der Vorderpfote in Liegeposition herunter, damit diese auf der weiten Ebene nicht gleich sichtbar sind, denn Hyänenjunge fallen häufig Löwen zum Opfer.
Hyänen haben einen schlechten Ruf. Das mag daran liegen, dass sie ihre Beute nicht mit einem Genickbiss töten sondern sie bei lebendigem Leibe zerreißen oder daran, dass sie fürchterlich sabbern, aber wir sind von ihrem Stofftieräußerem und ihrem interessanten Sozialverhalten begeistert. Da kommen die ewig schlafenden Löwen einfach nicht mit.
Wir sind in der Serengeti – wer mich kennt kann sich vorstellen was das für mich bedeutet. Professor Grzimeks Fernsehsendungen haben meine Begeisterung für alle wilden Tiere geweckt als ich noch im Dirndlkleidchen zur Schule ging und ich habe nie aufgehört von der Serengeti zu träumen. Der Professor liegt übrigens hier begraben, genau wie sein im Ngorongorokrater verunglückter Sohn und die Filmlöwin Elsa.
Meine Familie war zugegebenermaßen etwas skeptisch, ob die Serengeti ihren (enormen) Eintrittspreis wert ist, wo wir doch in Kenia schon in Nationalparks waren und auch noch in anderen Ländern welche besuchen wollen. Jetzt sitzen sie alle drei mit offenen Mündern im Auto und Unglaublich! ist das am häufigsten verwendete Wort angesichts der großen Herden Gnus und Zebras um uns herum. Die Wanderung der großen Herden, die Migration, gibt es in dieser Form nur in der Serengeti und wir sind gerade rechtzeitig hier um sie im Süden des Parks am Ziel zu sehen. Hier gibt es um diese Jahreszeit gute Weidegründe und hier kommen im Dezember 95% aller Zebrafohlen der Serengeti zur Welt. So weit das Auge reicht ist die Ebene dicht gedrängt voll von Tieren, es müssen hunderttausende sein und das tiefe Grunzen der Gnus wechselt sich mit dem aufgeregten Geschrei der Zebrahengste ab, die versuchen ihre Mädels zusammenzuhalten. Noch ein Zebrafohlen! ruft Lili und zückt zum hundertsten Mal die Kamera um ein noch besseres Zebraportrait zu schießen und Ich mag Gnus. konstatiert Fabian in einem Tonfall als sei er selber überrascht, dass neben seiner Liebe zu Elefanten auch noch Platz für Gnus in seinem Herzen ist. Guido und ich müssen grinsend an einen Cartoon denken, den wir vor Jahren aus Afrika mitgebracht haben und Guido zitiert prompt I’m in the middle of this migration thing.
Da die Raubtiere den Herden folgen haben wir in nur zwei Tagen auch Löwe, Leopard und Gepard zu Gesicht bekommen – und eben die verkannten Hyänen, die uns so gut gefallen. Trotz der hohen Tierdichte auch abseits der Migration gleicht die Serengeti niemals einem Safaripark, sie ist und bleibt ursprüngliche Wildnis in der der Eine den Anderen jagt und frisst und das wunderschöne verlassene Zebrafohlen nur noch kurze Zeit zu leben hat.
Dienstag, 21. Dezember 2010
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