NEWS-Ticker: über Huye (früher:Butare) mit Besuch des ethnographischen Museums – Kigali (Besuch des Genozidmuseums und einer Gedenkstätte) – Grenze nach Tansania bei Rusoma überquert – Igunga
Die von gelb blühenden Bäumen gesäumte Straße wirkt friedlich und aufgeräumt wie alles in Ruanda und der Abzweig zur Kirche ist gut ausgeschildert. In der kleinen, nicht asphaltierten Seitenstraße liegt das Grauen. Die moderne katholische Kirche ist heute Massengrab und Gedenkstätte für die 5000 Opfer des Genozids, die 1994 in der Kirche in die sie sich geflüchtet hatten bestialisch ermordet wurden. Auf den Kirchenbänken, vor dem Altar und auf dem Boden hat man die Kleidung der Opfer aufgestapelt und der Geruch nach altem Blut hängt in der Luft. Die Decke ist voller Einschusslöcher und die Fenster sind zerstört. Hinter der Kirche im Garten liegen die begehbaren Massengräber unter Betonplatten – die Überreste von jeweils fünf bis zehn Menschen ruhen in den sorgfältig markierten Särgen auf Regalen , auf anderen hat man die Knochen der nicht identifizierten ausgelegt. Viele, meist eingeschlagene, Kinderschädel sind dabei.
Überall im Land gibt es solche Stätten in ehemaligen Kirchen und Schulen und die katholische Kirche spart nicht am violetten Stoff, der über Zäune, Altäre und Särge hängt. Das mag ein Ausdruck von Schuldgefühl sein, denn vielerorts waren es die Priester, die die Schutzsuchenden einließen und dann den Mördern die Tür öffneten. In einem Fall erging sogar die Empfehlung doch einfach die Kirche mit dem Bulldozer einzureißen – was auch prompt umgesetzt wurde.
Wir haben den Vormittag im Genozidmuseum in Kigali verbracht und sind immer noch sprachlos. Was in unseren Medien 1994 als spontan aufgeflammter Bürgerkrieg zwischen den rivalisierenden Stämmen der Hutu und der Tutsi verkauft wurde war kaltblütig geplanter Völkermord an einer Volksgruppe, die erst von den Kolonialherren künstlich als solche stilisiert wurde (vor der Ankunft der Deutschen und Belgier verstanden sich die Stämme als ein Volk mit gemeinsamer Kultur und Sprache). Wer im Museum die Bilder von Schädelvermessungen und Abstammungsnachweisen sieht, wer liest dass es schon seit 1990 wiederholt zu Massakern an den Tutsi gekommen ist und dass junge Milizionäre der Hutu im Stil der Hitlerjugend auf den Tag X gedrillt wurden der kann die Parallelen zum Nationalsozialismus nicht übersehen. Die internationale Gleichgültigkeit hat über einer Million Menschen das Leben gekostet, die verfolgt, gefoltert und getötet wurden. Fast eine weitere Million wurde zu Flüchtlingen. Das Museum weist auf Parallelen in aller Welt hin und versteht sich vor allem als ein Ort des Lernens und der Warnung.
Die Grenzüberquerung zurück nach Tansania führt uns noch einmal einen deutlichen Unterschied zwischen beiden Ländern vor Augen: Während die ruandische Seite in Rekordzeit freundlich und korrekt arbeitet erpresst der Beamte der tansanischen Seite von Guido zusätzliche hundert Dollar. Unser Schneck sei kein privates Fahrzeug. Guido gibt nach fast drei Stunden Diskussionen in der Hitze auf und zahlt zähneknirschend.
Die Landschaft wird rasch flacher. Der Nordwesten Tansanias ist ärmer und unterscheidet sich stark vom tourismusgeprägten Norden und Osten. Seit Monaten haben wir keine Eselskarren und Ochsengespanne mehr gesehen. Mageres Vieh grast auf trockengefallenen Reisfeldern und als wir die katholische Missionsstation in Igunga erreichen bestätigt man dort unsere Befürchtungen: Seit Jahren regnet es immer weniger und dieses Jahr ist die Regenzeit überhaupt noch nicht eingetroffen. Bleibt der Regen noch eine weitere Woche aus, so ist die Maisernte verloren, die die Grundernährung sichert.
Am Morgen zeigt uns der belgische Volontär die Schule der Mission, die gerade erweitert wird: Neunhundert Mädchen lernen und leben hier in Klassen zu fünfzig Kindern und scheinbar endlosen Schlafsälen mit Etagenbetten. Nur zweimal im Jahr fahren sie in den Ferien nach Hause, eine Regelung auf die der federführende Pater großen Wert legt. Die Enge ist drangvoll: Es gibt nirgendwo eine Möglichkeit die Tür zu schließen – auch nicht vor den einfachen Toiletten oder Duschen, viele Mädchen sitzen zu zweit an einem Einzeltisch und jeder Quadratmeter Rasen zwischen den Gebäuden ist heute am Samstag mit Wäschestücken belegt. Fünf Köchinnen sorgen auf großen Holzkohlefeuern für drei warme Mahlzeiten am Tag: Morgens gibt es einen wässrigen Haferbrei, der aus der Tasse getrunken wird, mittags und abends Reis mit Bohnen, zweimal in der Woche steht Fleisch auf dem Speiseplan. Vitamine sucht man hier vergebens. Der Schulgarten, den die Schülerinnen bestellen sollen ist viel zu klein und die Wasserversorgung unregelmäßig und qualitativ fragwürdig. Dafür bezahlen die Eltern pro Jahr 340 Euro Schulgeld, was im Landesvergleich sehr günstig ist und den Mädchen soll demnächst ein kleiner Computerraum eingerichtet werden, was den Leiter der Kreisschulbehörde veranlasste seine Tochter ebenfalls hier her zu schicken. Fabian, der nach einem Streit mit uns neulich meinte, er wolle in Afrika bleiben ist recht kleinlaut geworden.
Soeben beginnt es zu regnen.
Samstag, 19. Februar 2011
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