Donnerstag, 16. September 2010
Fröhliche Trommelschläge klingen durch die Nacht und wir sitzen am Ende eines langen Tages etwas erschöpft unter dem unglaublichen Sternenhimmel.
"Mama, das hat aber jetzt ganz schön Knack gemacht." Verständnislos starre ich beim Mittagessen auf das kleine weiße Etwas in der Hand meiner Tochter und ganz langsam dämmert es mir: Der nach einem Unfall im Sportunterricht der Grundschule einst wieder angeklebte Schneidezahn ist erneut abgebrochen. Gut, das wir immer noch in Assuan sind – hier wird es ja wohl einen Zahnarzt geben. Der Blick in den Reiseführer hilft nicht viel weiter und so rufen wir die deutsche Botschaft in Kairo an, die angeblich eine Liste deutsch- oder englischsprachiger Ärzte führt. Der entsprechende Dienst ist allerdings etwas überfordert "Ja, wenn sie nicht nach Kairo kommen wollen, dann versuchen sie es vielleicht mal im Militärhospital in Assuan." – Welches Militär?? – Na, das ägyptische. – Äääh, danke, dann würden wir wohl eher nach Luxor zurückfahren, dort haben wir englischsprachige Arztschilder gesehen. Das nächste Telefonat führen wir mit dem Mövenpickhotel in dessen Pool wir Samstag ein paar schöne Stunden verbracht haben. "Guten Tag, zu welchem Zahnarzt schicken sie ihre Gäste in einem Notfall? – Zu dem am Deutschen Hospital auf der Corniche, gleich neben der Geschäftsstelle von Egypt Air. – Haben sie vielen Dank."
Eine Stunde später stehen wir an der angegebenen Stelle vor dem abgeschlossenen Tor der Evangelischen Mission. Das Gelände sieht nicht so aus, als gebe es hier ein Krankenhaus oder auch nur einen Arzt und die Tür ist definitiv zu. Nach einigem Suchen finde ich hundert Meter weiter ein auf die Wand gemaltes Dentist – Schild, dem wir durch eine muslimische Buchhandlung und den Vorhof einer Moschee folgen. Die Tür des Zahnarztes ist allerdings geschlossen und der nette Mann, der den unvermeidlichen Müll hin und her fegt sagt immer nur Eight o’clock. Heute abend um acht oder morgen früh?? Das ist uns zu unsicher und deutsch wie wir sind wollen wir JETZT einen Zahnarzt finden.
Mein Gatte greift seufzend und schwitzend – nachmittags um drei über die schattenlose Corniche am Nil entlangzulaufen ist eine ziemlich schweißtreibende Angelegenheit, und nur eine deutsche Familie kann so dumm sein kein Taxi zu nehmen – und ruft die Nummer des Deutschen Hospitals kurzerhand an. Nach acht oder neun Weiterleitungen endlich jemand der Englisch spricht mit einer Auskunft: "Nein nein, wir sind ganz woanders und einen Zahnarzt haben wir auch nicht. Ich gebe ihnen mal zwei Telefonnummern."
Den Arabisch-Sprachführer haben wir natürlich im Camp vergessen und der Akku meines Handys ist wie immer fast leer – Guidos Handy verweigert seit ein paar Tagen den Dienst, weil ich es mitgewaschen habe. Kurz entschlossen mache ich der nervigen Telefoniererei ein Ende und beschließe mich auf die Hilfsbereitschaft der Ägypter zu verlassen, wenn es um Kinder geht. Zweihundert Meter zurück ist das Polizeipräsidium. Dort findet man tatsächlich einen englischsprachigen Beamten, der sich engagiert des Problems annimmt: Er hält einfach ein paar Taxis an und fragt die Taxifahrer. Beim dritten Taxi hat er Glück und wir steigen ein und schaukeln in dem uralten Gefährt voller Schaffellbezüge durch Assuans schlimmste Schlaglöcher. Als wir schon befürchten, der Fahrer nutze die Gelegenheit für eine gut bezahlte Spazierfahrt hält er vor einem unauffälligen Haus und lotst uns hinein und durch ein heruntergekommenes Treppenhaus vor eine Wohnungstür mit rot-grünem Schild und klingelt. Nichts rührt sich. Unser Fahrer seufzt und schaut noch einmal auf das Schild und dann auf seine Armbanduhr. Seven o’clock. Um sieben also…. Während wir noch diskutieren, wo wir am besten die Wartezeit überbrücken werden wir wieder ins Auto gepackt. Anderer, sagt unser Fahrer auf Deutsch und wir staunen nicht schlecht. Zehn Minuten später wiederholt sich die Szene in Innenstadtnähe, aber diesmal sieht das Schild irgendwie vertrauenserweckender aus, und unser Fahrer betont immer wieder. "Gut!! Sieben Uhr. Von sieben bis elf. Halb sieben hier." Wir haben immer noch Probleme an die Sprechzeit am späten Abend zu glauben, aber inzwischen ist es viertel vor fünf und um die Ecke können wir uns die Wartezeit auf dem Basar vertreiben. Von dem netten Fahrer, der nicht mal einen festen Preis für seine Mühe will bekommen wir vorsichtshalber noch einen Zettel mit der Adresse des Arztes auf arabisch mit, damit wir auf jeden Fall zurückfinden – den hätten wir etwas später auch fast gebraucht, denn nachdem es dunkel geworden ist und der Basar voller Leben sieht alles so anders aus.
Der Doktor erweist sich als Glücksgriff. In dem Moment in dem wir das Sprechzimmer betreten fällt mir ein Stein vom Herzen – so moderne Ausrüstung habe ich noch nirgendwo gesehen und der freundliche und erfahrene koptische Arzt spricht fließend Englisch und recht gut Deutsch. Das erste Röntgenbild zeigt leider, dass der Zahn beim Wegbrechen noch etwas mehr Substanz verloren hat, und der Nerv liegt unmittelbar unter der Bruchkante. "Sie wollen nächste Woche in den Sudan? Dann kann man das nicht provisorisch machen, da gibt es keine guten Zahnärzte und das wird eher früher als später Probleme machen. Wir machen heute eine Nervenbehandlung und Donnerstag eine Rekonstruktion entweder mit dem abgebrochenen Stück oder in Keramik. Wenn sie dann 17 ist können sie immer noch eine Krone machen lassen. "
Der Rest ist Legende. Lili schimpft, staunt, fragt und witzelt, findet jedes neue Bild Cool und den Zahnarzt toll und der nette Onkel Doktor schwitzt und schmunzelt und lobt sie weil sie so gut mitmacht. Wir verlassen die Praxis mit einem Rezept über ein Antibiotikum, ein Schmerzmittel und "etwas für den Magen". Unter letzterem stelle ich mir so etwas wie ein Schutzmittel für die Magenschleimhaut vor, damit die Maus die Antibiose besser verträgt und muß dann später als ich auf die Packung gucke herzlich lachen: Mit dem Zeug entwurme ich zu Hause unsere Hunde. Da Lili keinem schwerwiegendem chirurgischen Eingriff entgegensieht werde ich auf die Entwurmung wegen zu geringen Nutzens verzichten und das Mittel der Reiseapotheke einverleiben.
Kaum stehen wir auf der Straße verkündet Lili "Hunger!" Und wir legen noch einen Halt am Falafelstand ein, wo Lili aufs Niedlichste mit dem 12-jährigen Jungen hinter der Theke flirtet.
Die Fahrt mit der kleinen Fähre auf die andere Seite ist inzwischen Routine: Frauen und Kinder ins vordere kleinere und immer überfüllte Abteil und Männer nach hinten ins größere und wie immer halb leere. In der Dunkelheit wirken die bei Tage oft so eleganten Frauen im Tschador gespenstisch und Lili ist froh, dass so viele Mädchen im bunteren Outfit und Kinder dabei sind. Bei den Männern dominieren die weißen Galabijahs, nur eine ungewöhnliche Gestalt ist dabei: Ein alter Mann in hellblauem Gewand mit weißem Turban und einer verzierten Jagdflinte über der Schulter, die bestimmt noch aus der Zeit des ersten Weltkriegs stammt.
Die vielen Lichter der Stadt und der Kreuzfahrtschiffe versinken hinter uns und wir fahren am Turm des Mövenpickhotels auf Elephantine Island vorbei, der alle 30 Sekunden in einer anderen schreienden Farbe angestrahlt wird. Der Wind auf dem Nil ist abends frisch und das kleine Boot schwankt stark als wir unter den Felsengräbern auf der Westseite anlegen. Ein Pick-up-Taxi bringt uns und zehn andere zurück zum Dorf.
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